Reisebericht Sella Ronda 2015 der Mountainbike Gruppe des Deutschen Alpenverein Sektion Augsburg

Tag 1, →19 km, ↑780 hm, ↓780 hm:

Anno domini 2015, am 10. Tage des 7. Monats im Morgengrauen fanden sich in Augusta Vindelicium nicht weniger als 13 Krieger zusammen, entschlossen auszuziehen um den gefürchteten Sella- Stock im Welschen Lande zu bezwingen.

Derer 13 Ritter nannten sich die unerschrockenen Anführer Inge und Hartmut, sowie die nicht minder kühnen Recken Uschi, Ralf, Stefan, Steffen, Karlheinz, Tobi, Markus, Felix, Manfred, Ecki und Michael, welche ihren Fürsten treue Gefolgschaft bis zum Gipfel geschworen hatten. Nach einem langen und gefahrvollen Ritt von 5 mal 7 Tagen entlang wogender Kornfelder, sumpfigen Auen, durch saftige Talgründe und schroffe Schluchten erreichten die 13 Getreuen endlich ihr Ziel.....

So oder ähnlich mag die Sache vor 500 Jahren ausgesehen haben dachte ich mir, während ich mit Ralf angenehm plaudernd im bequemen Fond des klimatisierten Autos von Stefan saß, welches dieser, souverän wie ein waschechter Chauffeur, durch die letzten Kurven Richtung Ziel steuerte. Wieder einmal war ich froh, nicht im 16. Jahrhundert zu leben- dies war neben der enorm bequemeren Anreise nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass es damals nach meinem Kenntnisstand Mountainbikes wohl noch nicht gab...

Kaum waren wir bei wolkenlosem Himmel und grandios klarer Luft gegen Mittag in Corvara am Hotel Pradat angekommen, erfolgte die Zimmereinteilung, 7 von uns fanden Platz im Hotel, der Rest durfte in einem schönen, nahegelegenen Ferienhaus in einer großzügigen FeWo Quartier beziehen.

SellaRonda 01Nachdem das Gepäck in den Zimmern verstaut und die Bikes in Einsatzbereitschaft versetzt waren, ging´s auch schon los: Treffpunkt Hotelterrasse Abfahrt 13:30, so das Credo von Inge und Hartmut- und wir ließen uns nicht lange bitten, denn wir waren alle heiß auf coole Trails!

Da wir unseren soeben erworbenen 3- Tages- Liftpass noch nicht nutzen konnten hieß es nun erst einmal sich die Trails selber erarbeiten, die 800 Höhenmeter hinauf zum Grödnerjoch fielen aber- der Nachmittagshitze zum Trotze- angesichts des atemberaubenden Dolomiten- Panoramas und in Erwartung traumhafter Trails nicht allzu schwer.

SellaRonda 02Und wie wir recht behalten sollten! Die Abfahrt auf der eigens für Mountainbiker angelegten Flow- Trail- Strecke war ein echtes Sahnestückchen, ein Biker- Schmankerl vom Feinsten! Vergessen war da die schöne Bäuerin mit dem Heuwendegerät in der Hand, die uns oben auf der Passhöhe unmissverständlich klar gemacht hatte, dass der von Inge und Hartmut ausgesuchte Trail (welcher letztes Jahr übrigens noch befahren werden durfte) nun mit Bikeverbot belegt sei- angesichts des drohend präsentierten Arbeitsgeräts fügten wir uns der übermächtigen Gegnerin und stürzten uns stattdessen in die oben beschriebene Abfahrt.

Im Tal angekommen fand unsere erste Schnuppertour im Sella Gebiet in einer Bar bei Cappucino und (zumeist alkoholfreiem) Weizen in Minigläsern mit dem bekannten breiten Grinsen im Gesicht einen würdigen Abschluss.

Tag 2, →49 km, ↑700 hm, ↓2.200 hm:

Gestärkt durch ein erstklassiges, reichhaltiges Frühstück unter dezenter Observation der gestrengen Hotel- Oma (auf dass nicht etwa einer von uns einen Extra- Cappucino abstaubte: „nurr oinirr isch koschdaloss, gell!“) hieß es aufsitzen um dreiviertel neun.

Bei abermals bestem Wetter führte uns unser Weg heute durch die angenehme Morgenkühle entlang eines rauschenden Bächleins munter auf und ab über Funtanacia nach Stern, wo wir uns- diesmal mit Hilfe der Seilbahn Gardenaccia- 2x auf die Freeride- Abfahrt und die dazugehörigen Wallrides wagten. Manfred fand an dieser Stelle die geologische Zusammensetzung des wassergebundenen Wegebelages derart interessant, dass er diese kurzerhand einer näheren Inspektion unterzog- wenn auch etwas zu impulsiv. Nach einer kleinen Filmeinlage an den Wallrides und einer eindrucksvollen Dokumentation von Inges medizinischen Fähigkeiten setzten wir- und dank Inge auch Manfred mit neuer Zuversicht- unerschrocken unseren Weg in Richtung Badia fort, die imposante Fanes- Gruppe mit den 3.000ern Heiligkreuzkofel, Zehner und Pitz Lavorada immer im Blick.

SellaRonda 03Dort angekommen bemühten wir wieder die Seilbahn (die 70 Euronen müssen sich ja schließlich rentieren!) um die Flanken der Fanes- Gruppe, welche wir eben noch aus der Ferne bewundert hatten, zu erklimmen. Nach einer anschießenden kurzen Kurbeleinlage gelangten wir schließlich zu unserer wohlverdienten Mittagsrast beim Rifugio S. Croce auf 2.045 m ü.NN.

Dieses, auch Heiligkreuzkofelhütte genannte Gebäude, soll der Legende nach auf den Grafen Volkhold aus St. Lorenzen zurückgehen, welcher dort früher ein Leben als Einsiedler führte und auch den Bau des zum Ensemble gehörenden Kirchleins veranlasste. Die Kirche hat ihren Ursprung im Jahre 1484, im Jahr 1650, wurde sie erweitert und mit schönen Fresken ausgemalt.

In kulinarischer Hinsicht ist die Heiligkreuzkofelhütte heute vor allem für ihren erstklassigen Kaiserschmarren berühmt, welcher der beste im Alpenraum sein soll. Ich habe zwar noch nicht alle Kaiserschmarren im Alpenraum probiert, den hier fanden wir jedoch klasse und ich bin geneigt, dem vorgenannten Gerücht nicht zu widersprechen.

Nach der Stärkung kam von Inge und Hartmut das obligatorische und verheißungsvolle Kommando „Protektoren an, Dämpfer auf“, was uns in Vorfreude auf die nun anstehende Abfahrt versetzte und unverzüglich den Adrenalinspiegel wieder ansteigen ließ!

SellaRonda 04Mit der Abfahrt nach St. Kassian hatten Inge und Hartmut erneut schönste und flüssigste Trails parat. Auch auf diesem Downhill waren wieder einige Sondereinlagen der Expeditionsteilnehmer zu bestaunen: Ecki beispielsweise gab den Kameraden einen Kurs im Reifenwechseln, in dem er eindrucksvoll unter Beweis stellte, dass ein gestandener Biker von knapp 1,90 Größe mit 1,2 Bar im Reifen auch auf einem normalen Trail in weniger als einer halben Stunde 2x hintereinander einen Snakebite hinbekommt- was ihm den schmucken Titel des „Pannenkönigs“ eintrug. Hartmut wiederum wollte prüfen, ob sein Vorderrad in eine Entwässerungsrinne passt, was prompt der Fall war- aber Respekt, die Nase ist doch härter als der Helm! (hätten wir auch nicht anders erwartet, Hartmut gell ;-)). Aber Hartmut trägt seinen Namen nicht zu Unrecht und dank Inges Fürsorge ging´s auch dieses Mal bald wieder weiter.

Wer nun gedacht hatte, das sei´s schon gewesen, hat nicht mit unseren Chefs gerechnet: unsere Guides hatten nämlich noch das heutige „Gesellenstückchen“ für uns aufgespart: einen tollen, teils verblockten, mal steil- rutschig, dann wieder mit Wurzeln gewürzten, kniffligen Weg der Singletrailskala S2 Anfang S3- ganz nach unserem Geschmack. Diesen nahmen wir nach der Bergfahrt in den knallgelben Gondeln hinauf zum Rifugio Pitz Sorega unter die Stollen.

SellaRonda 05Auf dieser interessanten Schlussetappe fand auch Manfred wieder Gelegenheit, seiner geologischen und botanischen Leidenschaft (in diesem Falle durchaus wörtlich zu verstehen!) nachzugehen, indem er nun den verwurzelten Waldboden und eine Bergfichte 5m unterhalb des Weges näher inspizierte. Da aber auch der Manfred ein durch und durch zäher Hund ist ließ er sich nicht lumpen und fuhr den Trail den Umständen entsprechend zu Ende- sein Trikot allerdings war nun endgültig ein Fall für die Kleiderspende. Unten angekommen fanden wir, da waren wir uns alle einig, dass dies hier eine super Tour mit einem super Trail war!

Unsere heutige Unternehmung beschlossen wir mit einem leckeren Gelato und dem obligatorischen wir-hätten-mehr-bestellt-als-konsumiert- Wirrwarr beim Bezahlen.

Tag 3, →62 km, ↑800 hm, ↓3.900 hm:

So, heute war er also da, der große Tag. Die unvermeidlichen freundlichen Hinweise der Wirts- Oma im Rahmen der morgendlichen Nahrungsaufnahme ertrugen wir mit heroischem Gleichmut, denn das Highlight der Reise, der Tag der „Sella- Ronda“, stand unmittelbar bevor. Das Frühstück auf Vorrat (ich weiß nicht, ob mein Rad- Konstrukteur dieses Zusatzgewicht mit einberechnet hat) noch nicht annähernd verdaut, trafen wir uns heute eine viertel Stunde früher zur Abfahrt- und Manfred erschien mit neuem Outfit und neuem Mut.

Wie an den beiden Vortagen war das Wetter wieder tadellos, der stahlblaue Himmel strahlte mit der Sonne um die Wette. Wir starteten die „Ronda“ im Uhrzeigersinn, indem wir die Seilbahn Col Alto von Corvara aus und anschließend den Sessellift Braia Fraida als Aufstiegshilfe nutzten. Oben angekommen, trafen wir auf das uns von den Vortagen bereits bekannte umfangreiche Wegenetz auf einer Art Hochebene auf ca. 2.000 m ü.NN.

Das rund um die Bergstationen veranstaltete Alpen- Disney mit Hüpfburgen, Badeteichen und Spielcasino wird von den meisten Touristen offenbar gerne angenommen, wir jedoch zogen es vor, schnell das Weite zu suchen.

SellaRonda 06Auf gut ausgebauten Kieswegen vor dem atemberaubendem Panorama des Sella- Stocks mit seinem 3.152 m hohen Hauptgipfel Pitz Boe kamen wir gut voran. Nach einem netten bergauf- bergab- Trail durch ein Wäldchen gelangten wir so zum 2.139 m hohen Pralongia, von dort aus begaben wir uns alsdann auf eine schöne Abfahrt zum Passo Campolongo, von wo aus wir den gleichnamigen Lift zu dem auf 2.080 m gelegenen Sattel nahmen. Von dort aus starteten wir eine kilometerlange, berauschende Abfahrt nach Arraba, die uns traumhaft abwechslungsreich mal schnell und rasant über Skipisten oder offene Berglandschaft fliegen ließ, mal knifflig und verwinkelt durch dichten Bergwald wedeln um sich dann wieder kurvig verspielt durch sattgrüne Bergwiesen zu schlängeln und uns erneut ein Lächeln aufs Gesicht zauberte.

Fast unten angekommen, eiferte im Rausche der Euphorie
- diesmal ich selbst- unseren bisherigen Unglücksraben in nicht minder rustikaler Manier nach. Über eine Wegekuppe segelnd schickte ich mich an, den verwurzelten Wegegrund näher nach Kleingetier zu untersuchen. Die danebenstehenden Pferdchen nahmen´s mit stoischer Gelassenheit und ich beschloss, mit der nunmehr interessanten Farbgebung meiner rechten Wade ebenso zu verfahren. Nach einem kurzen Medizinstop gelangten wir schließlich nach Arraba.

Die darauffolgende Fahrt mit der Seilbahn brachte uns hinauf zum 2.478 m hohen Bergsattel Porta Vescovo. Dieser liegt auf einer Kamm- Linie, welche die Grenze zwischen Venetien und Trentino markiert. Hat man den Sattel überschritten, beginnt gleich unterhalb der Grenz- Kammlinie der Bindelweg.

SellaRonda 07Dieser verläuft ungefähr entlang der 2.400m- Höhenlinie und schlängelt sich mal an- mal absteigend durch baum- und felslose teils steile Grashänge. Der Weg an sich hält zwar keine größeren fahrtechnischen Herausforderungen bereit, angesichts der steilen Hänge und der vielen Wanderer war aber Rücksicht, Vorsicht, Konzentration und Disziplin Gebot der Stunde. An den Anstiegen forderte die Höhe ihren Tribut, jeder Tritt war hier schwerer als im Tal.

SellaRonda 08Entschädigt wurden wir aber mehr als genug durch das absolut grandiose Panorama, denn auf der anderen Bergseite des Höhenweges scheint der Gletscher der Marmolata zum Greifen nah. Zweifellos gehört dieser Panoramaweg zu einem der schönsten in den Alpen, doch auch dieser hat einmal ein Ende und zwar in Belvedere, wo wir beschlossen eine Mittagsrast einzulegen. Nach der Stärkung ging´s auf die Abfahrt mit knapp 1.000 „Tiefenmeter“ zum Örtchen Canazei hinunter, welche wieder aus traumhaften abwechslungsreichsten Trails bestand. Weiter nach Campitello di Fassa, von dort mit der Seilbahn Col Rodella zum Sattel östlich des Langkofelmassivs dann durch die imposante „Steinerne Stadt“, ein mit riesigen Findlingen übersätes Gebiet am Fuße des Langkofelmassivs.

SellaRonda 09Beim Wasserfassen in den Sanitärräumen des Rif. Comici mussten wir aufpassen, dass unsere Trinkblasen nicht mit Pressluft anstelle Wasser gefüllt wurden- dank des Erfindungsreichtums eines Sanitärtüftlers, der die hier eingebauten vollautomatischen Waschbecken mit selbststartender Turbohändetrocknung entwickelt hatte. Anschließend folgte die Abfahrt nach Wolkenstein und die Bergfahrt hinauf zum Grödnerjoch. Oben angekommen, entschieden wir uns anstelle noch einer Rast auf der Jimmi Hütte gleich abzufahren über die bereits vom ersten Tag bekannte Strecke. Schließlich gelangten wir so gegen dreiviertel Sechs wieder zurück zum Hotel, wo uns nach einer erfrischenden Dusche das wieder vorzügliche Abendessen heute besonders gut mundete.

Tag 4, →45 km, ↑600 hm, ↓2.450 hm

Am letzten Tag unseres Urlaubs in den Dolomiten zeigte sich der Himmel nicht ganz so wolkenlos wie die Tage zuvor, was aber der Stimmung keinen Abbruch tat, denn Inge und Hartmut hatten uns versichert, dass nochmals feinste Trails anstanden- wenn auch die Wetterfrösche unter uns warnend ab 14 Uhr Starkregen prophezeiten. Und eines sei vorab schon verraten: die Prophezeiung traumhafter Trails tat ein, die andere glücklicherweise nicht- aber wie es so oft ist im Leben, hinterher ist man immer schlauer.

SellaRonda 10Wir starteten mit kompletter Mannschaft nach einem kurzen Bikecheck wieder mit bester Laune auf der Hotelterrasse und wieder führte uns der Weg zunächst wie am 2. Tag entlang der Richtung Funtanacia und von dort diesmal direkt zur Talstation der Seilbahn zum 2.078 m hohen Pitz La Villa. Oben angekommen hieß es gleich Protektoren an- und die waren auf dem verzwickten, mit knorrigen Wurzeln gespickten Trail auch nicht fehl am Platze. Offenbar wollte auch Uschi die geliebten Schützer nicht umsonst übergestreift haben, denn im unteren Drittel des Trails zeigte sie uns einen perfekten Salto Mortale auf Waldboden, dem ich eine gewisse Eleganz nicht absprechen möchte. Ob der Stunt von Danny Macaskill inspiriert war, ließ sich aus Zeitgründen nicht mehr zweifelsfrei klären- egal, nach Wiederherstellung des Gleichgewichtssinns ging´s aber ohne schwerwiegende Defekte an Ross und Reiterin weiter. Unser Weg führte uns, wie tags zuvor, nach St. Kassian und von dort über die „Hochebene“ zu unserer Mittagsrast im Rifugio Pralongia.

SellaRonda 11Der Kaiserschmarren war zwar gut, reichte aber nicht wirklich an den im Rif. St. Croce heran. Erneut auf dem lauschigen Auf-und-ab-Trail durchs Wäldchen kamen wir zur Seilbahn Costarotta, diese brachte uns abermals 220 m höher. Oben angekommen, fanden wir uns in Anbetracht der letzten Abfahrt noch zu einem finalen Espresso auf der Terrasse einer schönen Hütte zusammen, um anschließend die letzte Abfahrt der Tour zu genießen.

Im Tal beendeten wir schließlich unsere wunderschöne Tour im Sella Gebiet- allerdings nicht alle, denn Ralf, Manfred, Ecki und ich beschlossen, ein letztes Mal noch einmal den wunderschönen Flow- Trail vom Grödnerjoch hinunterzuwedeln.

An dieser Stelle möchte ich persönlich und auch im Namen all unserer Bergradel Kameraden ein ganz herzliches Dankeschön an unsere Guides Inge und Hartmut aussprechen, die unsere Unternehmung wieder einmal erstklassig vorbereitet und mit vorbildlicher Professionalität geführt haben- längst keine Selbstverständlichkeit! Die Trails waren erste Sahne, wir haben uns jederzeit sicher und gut aufgehoben gefühlt und hatten dabei jede Menge Spaß. Besser geht’s nicht - danke euch ganz herzlich, Inge und Hartmut! Ein liebes Danke auch an Ralf, der diesmal zwar nicht Guide war, sich aber dennoch oftmals bereitwillig als „letzter Mann“ gemeldet und uns wenn nötig auch „aufgesammelt“ hat.

Noch vor Ende der Tour wurde von uns vorgeschlagen die „Sella Ronda“ nächstes Jahr wieder ins Tourprogramm mit aufzunehmen- die Reaktion unserer Guides lässt uns hoffen....

Michael Cyran